Das Ortenau Klinikum muss seine medizinischen Strukturen an die grundlegend veränderten Rahmenbedingungen anpassen. Veränderungen in der Krankenhausversorgung ergeben sich aus der bundesweiten Krankenhausreform, der neuen Krankenhausplanung in Baden-Württemberg sowie steigenden Anforderungen an Qualität und Personal. Hinzu kommen der medizinische Fortschritt, der Fachkräftemangel, der demografische Wandel und die zunehmende Verlagerung von Behandlungen in den ambulanten Bereich.
Gleichzeitig steht das Ortenau Klinikum unter erheblichem wirtschaftlichem Druck. Der Klinikverbund verzeichnet bereits ein jährliches Defizit in zweistelliger Millionenhöhe. Zusätzliche erhebliche Belastungen ergeben sich aus dem GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz, das die Möglichkeiten zur Refinanzierung steigender Kosten weiter einschränkt. Ohne strukturelle Anpassungen werden sich die Defizite in den kommenden Jahren weiter ausweiten.
Die Weiterentwicklung der Medizinstrategie ist deshalb sowohl medizinisch als auch wirtschaftlich notwendig. Es wird untersucht, wie Leistungen künftig sinnvoll auf die Klinikstandorte verteilt, medizinische Kompetenzen gebündelt und vorhandene personelle und finanzielle Ressourcen gezielter eingesetzt werden können. Ziel ist es, die hohe medizinische Qualität und eine verlässliche Daseinsvorsorge der Menschen im Ortenaukreis langfristig zu sichern und einer weiteren Verschärfung der wirtschaftlichen Situation entgegenzuwirken.
Agenda 2030 bleibt bestehen
Die vom Kreistag im Jahr 2018 beschlossene „Agenda 2030” bildet weiterhin den Rahmen für die strukturelle Weiterentwicklung des Ortenau Klinikums. Mit vier Klinikstandorten und drei Klinikneubauten soll die wohnortnahe stationäre Versorgung langfristig gesichert werden. Die geschlossenen bisherigen Klinikstandorte werden als Zentren für Gesundheit (ZfG) weiterentwickelt. Gemeinsam mit der zweiten Säule der Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) tragen die dortigen ambulanten Angebote zur Sicherung der wohnortnahen ambulanten Versorgung bei.
Mit der Agenda 2030 hat der Ortenaukreis 2018 vorausschauend die richtigen Weichen für die Klinikneubauten gestellt. Die neue Krankenhausreform, die auf die Konzentration medizinischer Leistungen und die Sicherung einer zukunftsfähigen Versorgung setzt, bestätigt diesen Weg und zeigt, dass wir frühzeitig Verantwortung für eine zukunftsfähige Gesundheitsversorgung übernommen haben.
Untersuchte Varianten für die künftige medizinische Ausrichtung
Im Rahmen der Medizinstrategie 2.0 werden verschiedene Strukturvarianten untersucht. Die Varianten unterscheiden sich insbesondere hinsichtlich der Organisation und Qualität der Geburtshilfe, der Verteilung spezialisierter medizinischer Leistungen und der künftigen medizinischen Ausrichtung der Klinikstandorte. Für alle Untersuchungsvarianten ist die Auswirkung auf die Reduzierung von Doppelvorhaltungen und Qualitätssteigerung durch Zentralisierung zu prüfen.
Variante 1 – Geburtshilfe zentralisieren: Die Geburtshilfe würde in Offenburg zusammengeführt. Darüber hinaus sieht die Variante Veränderungen in der onkologischen Chirurgie, der Thoraxchirurgie sowie bei schmerztherapeutischen und psychosomatischen Leistungen vor. Der Standort Lahr würde weiterhin Aufgaben als Schwerpunktversorger mit erweiterter Notfallversorgung (G-BA-Notfallstufe 2) übernehmen.
Variante 1a – Geburtshilfe erhalten: Die Geburtshilfe würde weiterhin an den drei Standorten Achern, Lahr und Offenburg angeboten. Die weiteren Veränderungen im medizinischen Leistungsangebot entsprechen weitgehend Variante 1.
Variante 1b – Geburtshilfe erhalten, Kardiologie konzentrieren: Die Geburtshilfe würde an allen drei bisherigen Standorten bestehen bleiben. Darüber hinaus würden kardiologische Leistungen von Lahr nach Offenburg verlagert. Für Lahr wäre eine stationäre Grundversorgung mit Basisnotfallversorgung (G-BA-Notfallstufe 1) vorgesehen.
Variante 3 – Geburtshilfe erhalten, Kardiologie und Neurologie konzentrieren: Die Geburtshilfe würde weiterhin an allen drei Standorten angeboten. Kardiologische und neurologische Leistungen würden zusätzlich in Offenburg gebündelt. Der Standort Lahr würde Aufgaben der stationären Grundversorgung übernehmen und der G-BA-Notfallstufe 1 zugeordnet werden.
Variante 4 – Geburtshilfe, Kardiologie und Neurologie konzentrieren: Diese Variante sieht vor, die Geburtshilfe sowie kardiologische und neurologische Leistungen am Standort Offenburg zu bündeln. Die Standorte Lahr und Achern würden weiterhin Aufgaben in der stationären Grundversorgung übernehmen.
Die Varianten beschreiben untersuchte Handlungsoptionen. Sie stellen keine bereits beschlossenen Strukturveränderungen dar.
Weiterentwicklung der Klinikstandorte
Im Rahmen der Medizinstrategie wird derzeit geprüft, wie die medizinischen Leistungen künftig auf die einzelnen Standorte verteilt werden sollen und welche Auswirkungen sich daraus auf die Neubauplanungen ergeben.
Der Neubau in Achern ist bereits weitgehend fertiggestellt. In Offenburg bestehen aufgrund der bisherigen Neubauplanung Möglichkeiten, auf veränderte medizinische Anforderungen zu reagieren. Der Neubau in Lahr ist zentraler Bestandteil der Agenda 2030. Ob Anpassungen der Bauplanungen notwendig werden und welche Kosten damit verbunden sein könnten, lässt sich erst konkret nach Abschluss der Beratungen beurteilen.
Medizinische Qualität, Patientensicherheit und Ausbildung stärken
Ein wesentliches Ziel der Medizinstrategie ist es, medizinische Kompetenzen zu bündeln, die Patientensicherheit zu gewährleisten und optimale Bedingungen für die Aus- und Weiterbildung des medizinischen und pflegerischen Nachwuchses zu sichern. Die Ausbildung und Gewinnung qualifizierter Fachkräfte gehören zu den zentralen Aufgaben des Ortenau Klinikums.
Ein Beispiel ist die Geburtshilfe. In Offenburg besteht schon heute unsere größte Geburtshilfe und Frauenklinik, eine Kinderklinik sowie ein Perinatalzentrum der höchsten Stufe (Level 1) für die Versorgung besonders gefährdeter Früh- und Neugeborener. Die unmittelbare räumliche Nähe dieser spezialisierten Einrichtungen bietet die Chance, am Standort Offenburg ein überregional beispielgebendes Versorgungszentrum als Leuchtturm für Geburtshilfe und Neugeborenenmedizin weiterzuentwickeln. Kurze Wege und die enge Zusammenarbeit der Fachbereiche sind wichtige Voraussetzungen für die Versorgung bei komplexen Schwangerschaften und unerwarteten Komplikationen.
Bei einer möglichen Zusammenführung der Geburtshilfe in Offenburg sind neben der medizinischen Qualität auch die Erreichbarkeit für werdende Eltern, die persönliche Betreuung sowie die Versorgung bei zeitkritischen Geburtsverläufen zu berücksichtigen. Die Auswirkungen auf die Erreichbarkeit wurden im Rahmen der medizinstrategischen Untersuchung von Lohfert & Lohfert analysiert.
Auch die Zentralisierung der Frauenklinik für alle operativen Eingriffe einschließlich der Eingriffe in unseren zertifizierten Organkrebszentren sind aufgrund der Mindestmengenvorgaben notwendig.
Zugleich schafft die Bündelung medizinischer Kompetenzen gute Bedingungen für die Ausbildung und Förderung des medizinischen und pflegerischen Nachwuchses.
Wirtschaftliche Tragfähigkeit und weitere Entscheidungen
Die untersuchten Strukturvarianten unterscheiden sich auch hinsichtlich ihrer wirtschaftlichen Auswirkungen. Nur eine stärkere Bündelung medizinischer Leistungen wird dazu beitragen, Doppelvorhaltungen zu reduzieren und vorhandene Ressourcen effizienter zu nutzen.
Die politische Beschlussfassung über die weiterentwickelte Medizinstrategie erfolgt öffentlich im Kreistag. Die Öffentlichkeit wird frühzeitig und umfassend informiert.
Das Ziel bleibt eine medizinisch hochwertige, qualitative, bedarfsgerechte und wirtschaftlich tragfähige Gesundheitsversorgung für die Menschen in der gesamten Ortenau.
Über das Ortenau Klinikum
Das Ortenau Klinikum ist ein kommunaler Klinikverbund des Ortenaukreises und zählt zu den größten Gesundheitsversorgern in Baden-Württemberg. An mehreren Standorten versorgt es jährlich rund 64.800 Patientinnen und Patienten stationär sowie über 194.000 ambulant.
Mit dem Zukunftsprojekt „Ortenau 2030 – Zukunft Gesundheit” treibt das Ortenau Klinikum eine der größten Strukturentwicklungen in der Gesundheitsversorgung in Deutschland aktiv voran. Aktuell entstehen Klinikneubauten, Zentren für Gesundheit und neue, sektorenübergreifende Versorgungsstrukturen, die die Gesundheitsversorgung im Ortenaukreis nachhaltig sichern.